Quellen zur Zerstörung, Nachnutzung und barocken Überformung
Die Entwicklung der Burg Angern zwischen der Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg und dem barocken Umbau im 18. Jahrhundert ist durch mehrere archivalische Hinweise vergleichsweise gut fassbar. Besonders aufschlussreich sind dabei Einträge der Dorfchronik sowie Schriftstücke aus dem Gutsarchiv Angern, die den baulichen Zustand einzelner Partien, ihre weitere Nutzung und die Eingriffe des 18. Jahrhunderts dokumentieren.
1631: Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg
Im Sommer 1631 wurde die Burg Angern im Zusammenhang mit den Kampfhandlungen im Raum Magdeburg schwer beschädigt. Die Überlieferung deutet darauf hin, dass die Zerstörung weniger durch systematischen Artilleriebeschuss als vielmehr durch Brand, Teileinsturz und anschließenden Verfall verursacht wurde.
„Bei dem anschließenden Brand des Dorfes kam auch die Burg zu Schaden. Nach einem alten Bericht blieben nur die beschädigte Brauerei, ein Viehstall ohne Dach und das ebenfalls beschädigte Pforthäuschen stehen.“ (Dorfchronik Angern)
Die Quelle verweist auf erhebliche Schäden an der Anlage, lässt jedoch keine genaue Rekonstruktion des Zerstörungsumfangs einzelner Bauteile zu. Sie spricht vor allem dafür, dass die Wirtschaftsgebäude und Zugangsbauten noch als eigenständige Einheiten wahrgenommen wurden.
„Angern hat vordem auch Jahr- und Wochenmarkt gehalten, und ist durch den Brand so ruinieret, daß solches rückständig geblieben und eingegangen.“ (Gutsarchiv Angern, Rep. H Nr. 444)
Diese Passage belegt, dass die Zerstörung nicht nur die Bausubstanz, sondern auch zentrale wirtschaftliche Funktionen des Ortes nachhaltig beeinträchtigte.
„Es war vordem ein großer Turm von 8 Etagen, wo in dem 30jährigen Krieg sich viele fremde Örter hin salviret und wo anjetzi der Lustgarten, ist vordem ein Bruch gewesen, worinnen man wie auch im Hofe viele tote Körper gefunden, auch Kugeln und Kriegs-Arematouren, welches eine Kundschaft anzeiget, daß es zu Bataille und blutigem Gefecht gekommen sei.“ (Gutsarchiv Angern, Rep. H Nr. 444)
Die Stelle beschreibt den Bergfried als mehrgeschossigen Rückzugsort und verweist zugleich auf Kampfhandlungen im Bereich der Burg. Für die Baugeschichte ist der Hinweis auf den achtgeschossigen Turm besonders bedeutsam; zugleich bleibt zu beachten, dass es sich um eine deutlich später niedergeschriebene Überlieferung handelt.
1648–1650: Nachkriegszeit und fortbestehende Kernsubstanz
Auch nach dem Westfälischen Frieden setzte kein unmittelbarer umfassender Wiederaufbau ein. Für Angern ist vielmehr von einer längerfristigen Phase eingeschränkter Nutzung und provisorischer Anpassung auszugehen.
Für das Jahr 1650 ist eine Kirchenvisitation im Haus Heinrichs von der Schulenburg belegt. Dies spricht dafür, dass auf der Burg oder in ihrem unmittelbaren Umfeld weiterhin bewohnbare Räume vorhanden waren.
„Dafür werden aber die vier Keller und der alte Turm erwähnt.“ (Dorfchronik Angern)
Die Nennung „der vier Keller und des alten Turms“ ist für die bauhistorische Beurteilung zentral. Der Begriff „Keller“ ist jedoch nicht eindeutig. Plausibel ist eine Bezugnahme auf die gewölbten Räume der Hauptburg und der Turminsel, ohne dass eine exakte Gleichsetzung möglich wäre. Unabhängig davon zeigt die Quelle, dass wesentliche massive Kernstrukturen der Burg noch vorhanden waren.
1672: Verfall des Turms
Im Zusammenhang mit Konkurs und Taxation des Besitzes wird der bauliche Zustand des Turms genauer beschrieben:
„Worinne zwar viel Zimmer erbauet, allenthalben aber derselbe, absonderlich im Fundament, sehr baufällig und viel zur Reparatur kosten möchte, auch dem Besitzer fast mehr schädlich als zuträglich, so ist er hierbei in keinen Anschlag gebracht.“ (Dorfchronik Angern)
Die Passage zeigt, dass der Turm zu diesem Zeitpunkt noch als mehrgeschossiger Bau bestand, zugleich aber bereits in einem ruinösen Zustand war. Für die Bewertung ist wichtig, dass nicht von einem vollständigen Verlust, sondern von erheblicher Baufälligkeit gesprochen wird. Dies korrespondiert mit dem heutigen Befund, bei dem zumindest das Erdgeschoss erhalten geblieben ist.
1680: Rückerwerb und provisorischer Wiederaufbau
Nach dem Rückerwerb des Besitzes durch Heinrich von der Schulenburg wurde offenbar ein neues Wohnhaus errichtet.
„Der Neubau bestand aus dem zweistöckigen Haupthaus mit einer zweiflügeligen Eingangstür und 15 Fenstern, einem kleineren einstöckigen Nebengebäude und dem dazwischen stehenden Rest des alten Turmes.“ (Dorfchronik Angern)
Diese Nachricht spricht dafür, dass ältere mittelalterliche Bausubstanz weiterhin in die Nutzung einbezogen war und der Turmrest noch als räumlich wirksames Element in der Anlage stand.
1734–1738: Abbruch, Umbau und Erhaltung einzelner Gewölbe
Für die Jahre 1734 bis 1738 ist die Überformung der mittelalterlichen Burg durch den barocken Schlossbau vergleichsweise dicht dokumentiert. Bereits ein Inventar von 1734 verweist auf „abzubrechende Gebäude“ und macht damit deutlich, dass ältere Bausubstanz noch vorhanden war.
„über die Sachen, so von denen abzubrechenden Gebäuden verwahrlich aufzuheben sind“ (Gutsarchiv Angern, Rep. H Nr. 409, 1734)
Besonders aufschlussreich ist die Beschreibung der sogenannten Turmstube:
„In der Turmstube ist nur alte Tür mit einem alten Schloß und 2 alten Krampen. In der Stube ist ein eiserner Ofen mit einem Aufsatz von bunten Kacheln. Ferner sind in der Stube 9 Fenster […]“ (Gutsarchiv Angern, Rep. H Nr. 409, 1735)
Die Quelle zeigt, dass der Turmrest zu diesem Zeitpunkt nicht nur bestand, sondern in umgenutzter Form weiterhin bewohnbar oder zumindest nutzbar war. Zugleich markiert sie den Übergang von der mittelalterlichen Wehrfunktion zur frühneuzeitlichen Wohn- und Nebenfunktion.
Für 1737/38 sind mehrere Hinweise auf die Gefährdung und teilweise Erhaltung der Gewölbe überliefert:
„[…] da der Maurermeister das Haus 1 Fuß 4 1/2 Zoll tiefer gebauet […] der Hof vor dem Haus verniedriget werden muß, wodurch das Turmgewölbe nebst dem dabei stehenden Keller eingebrochen und verschüttet werden muß […]“ (Gutsarchiv Angern, Rep. H Nr. 412, Nr. 1, 16. September 1737)
Die Passage dokumentiert die Konflikte zwischen barocker Neuplanung und erhaltener älterer Bausubstanz. Sie erklärt zugleich die heutige ungewöhnliche Höhenlage einzelner Gewölbe unterhalb des Ostflügels.
„[…] habe hiesige Herren [schon immer] bedeutet, daß Ew. Exz. [sich nicht] zu Abbrechung der Gewölbe und Zuwerfung des kleinen Grabens resolviren würden […]“ (Gutsarchiv Angern, Rep. H Nr. 412, Nr. 4, 18. November 1737)
„[…] gefunden, daß der kleine Graben sowie die Gewölbe können konserviert werden, auf die Maße, daß man die Decke […] ganz wieder neu schlüge und solche niedriger mache […]“ (ebd.)
Diese Stellen sind für die heutige Befundsituation von großer Bedeutung. Sie belegen, dass ein vollständiger Abbruch der mittelalterlichen Gewölbe erwogen, letztlich aber zumindest teilweise vermieden wurde. Die heute erhaltenen Gewölbe im Bereich des Ostflügels sind daher als Resultat einer konservierenden, zugleich aber stark eingreifenden Umbauentscheidung des 18. Jahrhunderts zu verstehen.
„[…] Böse sei aber der Meinung, es wäre unpracticabel, die alten Keller behalten zu wollen.“ (Gutsarchiv Angern, Rep. H Nr. 412, Nr. 7, 22. Januar 1738)
Die zeitgenössische Diskussion zeigt, dass die mittelalterliche Substanz durchaus als problematisch, aber zugleich als erhaltenswürdig wahrgenommen wurde.
„[…] daß bei Einbrechung der Gewölbe sich eine Menge Steine gefunden, die man fast nicht zu lassen gewußt […]“ (Gutsarchiv Angern, Rep. H Nr. 412, Nr. 20, 9. November 1738)
Diese Nachricht spricht für den erheblichen Umfang massiver älterer Bausubstanz und dokumentiert zugleich ihre Wiederverwendung im Rahmen der barocken Umgestaltung.

1737/1738 neu aufgemauertes Deckengewölbe des Nebengebäudes zum Bergfried
„Nun ist man wegen des Brunnens noch nicht schlüssig […]“ (Gutsarchiv Angern, Rep. H Nr. 412, Nr. 19, 5. Oktober 1738)
Der Brunnenschacht war demnach auch im Zuge des barocken Umbaus weiterhin ein relevanter Bestandteil der Anlage. Die Quelle bestätigt damit die langfristige funktionale Bedeutung dieser Infrastruktur.
1735: Abbruch des Turms
„Anno 1735 ist der Turm abgebrochen.“ (Gutsarchiv Angern, Rep. H Nr. 444)
Die Quelle markiert die Beseitigung des aufgehenden Bergfrieds im Zuge der barocken Neuordnung. Der heutige Erhalt des Erdgeschosses (siehe Foto) zeigt jedoch, dass der Abbruch nicht bis auf Fundamentniveau erfolgte.

Erdgeschoss des Wehrturms mit Lichtschacht
Bewertung
Die schriftlichen Quellen des 17. und 18. Jahrhunderts erlauben keine direkte Rekonstruktion der hochmittelalterlichen Baugestalt, bieten jedoch wichtige Hinweise auf Erhalt, Nutzung und Umbau der mittelalterlichen Kernsubstanz. Besonders aufschlussreich ist dabei, dass Gewölbe, Turm und Brunnen wiederholt als eigenständige und funktional bedeutsame Bestandteile der Anlage erscheinen.
In Verbindung mit dem bauarchäologischen Befund ergibt sich daraus das Bild einer Burg, deren mittelalterliche Kernstrukturen die Zerstörung von 1631 in wesentlichen Teilen überdauerten und erst im Zuge des barocken Umbaus tiefgreifend verändert wurden.
Ausblick
Für eine vertiefte bauhistorische und archäologische Analyse der Burg Angern erscheinen insbesondere folgende Schritte sinnvoll:
- Baualterskartierung der erhaltenen Mauerzüge, Gewölbe und Eingangsbereiche.
- Archäologische Sondagen im Bereich verschütteter Gewölberäume und vermuteter Zugangsstrukturen.
- Mörtel- und Steinanalysen zur Klärung der Bauphasen.
- Photogrammetrische Erfassung und 3D-Modellierung.
- Vergleichsstudien mit Parallelanlagen im mitteldeutschen Raum.
Eine systematische Untersuchung könnte die Stellung der Burg Angern innerhalb der norddeutschen Niederungsburgenforschung weiter präzisieren und zugleich neue Erkenntnisse zur Überlieferung und Transformation mittelalterlicher Burganlagen im Übergang zur frühen Neuzeit liefern.
Quellen und Literatur
- Brigitte Kofahl: Dorfchronik Angern.
- Gutsarchiv Angern, Rep. H Nr. 409, 412, 444.
- Schulenburg, Christoph Daniel von der: Mémoire zur Anlage des Schlossparks Angern, 1745.
- Meyhöfer, Andreas (Hrsg.): Burgen und Schlösser in Sachsen-Anhalt, Halle 2008.
- Störmer, Wilhelm: Der Adelssitz im Mittelalter, Göttingen 1973.