Der Wehrturm der Burg Angern war als zentraler Wehrbau der südlichen Turminsel konzipiert und bildete gemeinsam mit dem gegenüberliegenden Palas auf der Hauptinsel das Rückgrat der hochmittelalterlichen Gesamtanlage. Der vorliegende Befundbericht dokumentiert die erhaltene Substanz des Erdgeschosses, analysiert Materialität, Bauweise und Funktion und berücksichtigt dabei sowohl architektonische als auch archivalische Quellen. Im Fokus stehen das originale Bruchsteinmauerwerk, der bauzeitliche Lichtschlitz sowie der archivalisch belegte Abbruch des Turmoberbaus im Jahr 1735.
Befund F1: Wehrturm – Baukörper, Erschließung und Erdgeschossbefund
Befundbeschreibung
Der Befund umfasst den erhaltenen Erdgeschossbereich des rechteckigen Wehrturms der Burg Angern auf der südöstlichen Turminsel. Der Turm bildete gemeinsam mit dem gegenüberliegenden Palas den dominierenden Baukörper der mittelalterlichen Gesamtanlage und besaß innerhalb des Wasserburgsystems eine eigenständige Wehr- und Rückzugsfunktion. Die Turminsel war vollständig von Wassergräben umgeben und lediglich über kontrollierte Übergänge mit der Hauptburg verbunden. Die sumpfige Niederung stellte dabei keinen bloßen Standortfaktor dar, sondern war integraler Bestandteil des Verteidigungssystems (vgl. Hydrologische und geostrategische Rahmenbedingungen).
Der Wehrturm besitzt einen annähernd quadratischen Grundriss von etwa 10 × 10 m. Die Wandstärken des Erdgeschosses erreichen bis zu ca. 2,20 m. Das aufgehende Mauerwerk besteht aus unregelmäßig gesetztem Feldsteinmauerwerk aus regionalen glazialen Geschieben, darunter Granit und Gneis, die in kalkgebundenem Mörtel versetzt wurden. Die massive Bauweise, die stark reduzierte Öffnungsstruktur sowie das Fehlen dekorativer Gliederungen sprechen für eine primär funktional-defensive Architektur.
Das Erdgeschoss wird von einem flach gespannten Tonnengewölbe überdeckt. Hinweise auf eine vollständige barocke Neuerrichtung der Gewölbestruktur sind im sichtbaren Bestand nicht erkennbar. Die Gewölbeausbildung wirkt konstruktiv schlicht und funktional und diente offenbar der massiven Überdeckung eines geschlossenen Sockelraumes.
Der Gewölberaum wird heute durch mehrere jüngere Einbauten verändert. Eine vermutlich zu DDR-Zeiten errichtete Wand unterteilt den Innenraum mittig. Zusätzlich wird der westliche Teil des Raumes durch eine neuzeitliche Ziegelwand abgetrennt, die möglicherweise im Zusammenhang mit der statischen Abstützung der um 1735 errichteten Westwand des barocken Ostflügels steht. Die Ziegelstruktur unterscheidet sich deutlich vom ursprünglichen mittelalterlichen Bruchsteinmauerwerk und ist daher als sekundäre Überformung zu interpretieren.

Gewölbedecke des erhaltenen Erdgeschosses des Wehrturms.
Der Innenraum des Erdgeschosses ist als geschlossener massiver Funktionsraum ausgebildet. Außenöffnungen fehlen weitgehend. Die einzige bauzeitlich erkennbare Öffnung bildet ein schmaler Lichtschacht (vgl. Befund F3) in der Nordwand. Seine Ausbildung verweist auf eine minimale Belichtung und Belüftung des Innenraumes und nicht auf eine aktive Verteidigungsfunktion. Der Schacht ist konstruktiv in die Gewölbestruktur eingebunden; sekundäre Ansätze oder nachträgliche Durchbrüche sind im sichtbaren Bestand nicht erkennbar.
Das Erdgeschoss besitzt keinen unmittelbar nachweisbaren Außenzugang. Die Erschließung erfolgte vielmehr über eine Türverbindung zum nördlich angrenzenden Kernraum (vgl. Befund G2), der seinerseits mit den übrigen Funktionsbereichen der Turminsel verbunden war. Die direkte innere Verbindung zwischen Kernraum und Wehrturm besitzt erhebliche bauhistorische Aussagekraft, da sie auf eine kontrollierte und sicherheitsorientierte Erschließungsstruktur innerhalb eines geschlossenen Wehr- und Versorgungssystems verweist.
Auch ein Zugang zu den ehemals darüberliegenden Geschossen ist innerhalb des Erdgeschosses nicht sichtbar. Weder Treppenanlagen noch Mauerdurchbrüche oder Durchstiege im Gewölbe sind nachweisbar. Dieser Negativbefund spricht dafür, dass die oberen Geschosse ursprünglich möglicherweise über einen erhöht gelegenen Zugang erschlossen wurden.

Digitale Rekonstruktion des Wehrturms auf der Turminsel um 1340.
Die Wandflächen des Innenraumes weisen großflächige Kalkputzreste mit erheblichen Feuchte- und Salzschäden auf. Im Innenraum sind zudem mehrere sekundäre Veränderungen erkennbar. Besonders auffällig ist eine jüngere Ziegelstruktur innerhalb der westlichen Wandzone sowie eine spätere nicht bauzeitliche Unterteilung des Raumes. Die Ziegelstruktur ist vermutlich als sekundäre Trag- oder Einbindungskonstruktion der barocken Überformungsphase zu interpretieren.
Bauhistorische Bewertung
Die funktionale Einordnung des Turmes innerhalb der Turminsel ist bauhistorisch nicht eindeutig. Während die Anlage in ihrer späteren Ausbauphase die Funktion eines Bergfrieds innerhalb einer größeren Wasserburg erfüllte, sprechen mehrere Befunde dafür, dass der Turm ursprünglich zugleich Wehr-, Wohn- und Herrschaftsfunktionen vereinte und damit eher dem Typus eines frühen Wehr- beziehungsweise Wohnturmes innerhalb eines befestigten Adelshofes entsprach.
Besonders die enge funktionale Verbindung zwischen Wehrturm und nördlichem Kernraum (vgl. Befund G1), die außergewöhnlich massiven Wandquerschnitte, die reduzierte Öffnungsstruktur sowie die integrierten Schacht- und Versorgungssysteme verleihen der Turminsel erhebliche bauhistorische Aussagekraft. Während die Hauptburg als planmäßig organisierter Wehrwohn- und Versorgungskomplex des 14. Jahrhunderts erscheint, wirkt die Architektur der Turminsel deutlich kompakter, defensiver und funktional stärker auf einen autonomen Wehr- und Rückzugsbereich ausgerichtet.
Nach gegenwärtiger Befundlage erscheint daher plausibel, dass die Turminsel ursprünglich einen älteren Kernbereich der Burganlage repräsentierte, der möglicherweise bereits vor dem großflächigen Ausbau der Hauptburg um 1340 bestand. Vor dem Hintergrund der frühen urkundlichen Erwähnung des Geschlechts von Angern im Jahr 1160 sowie der vermuteten Existenz eines festen Edelhofes erscheint die Hypothese nachvollziehbar, dass die Turminsel auf einen älteren befestigten Herrschafts- oder Adelssitz zurückgehen könnte, der später in das ausgebaute Wasserburgsystem integriert und überformt wurde (vgl. Hypothese einer älteren Turminsel und eines hochmittelalterlichen Wehrkerns). Auch die spätere archivalische Überlieferung verweist auf Wohnfunktionen innerhalb des Turmes. Besonders aufschlussreich ist die Beschreibung der sogenannten „Turmstube“ aus dem Jahr 1735:
„In der Turmstube ist nur alte Tür mit einem alten Schloß und 2 alten Krampen. In der Stube ist ein eiserner Ofen mit einem Aufsatz von bunten Kacheln. Ferner sind in der Stube 9 Fenster […]“
Gutsarchiv Angern, Rep. H Nr. 409, 1735
Die Erwähnung einer beheizbaren Turmstube mit Ofenanlage und mehreren Fenstern zeigt, dass der Turm zumindest in seiner späteren Nutzungsphase nicht ausschließlich defensive Funktionen erfüllte. Auch wenn diese Ausstattung nicht unmittelbar auf die hochmittelalterliche Bauphase übertragen werden kann, spricht die Quelle dennoch für eine langfristige Mischnutzung des Turmes als Wehr-, Wohn- und Herrschaftsbau.
Die Materialität, die massive Feldsteinbauweise, die reduzierte Öffnungsstruktur sowie die funktionale Raumorganisation sprechen insgesamt für eine mittelalterliche Entstehung des Kernbaus. Besonders das massive Erdgeschoss mit seinen tief eingeschnittenen Lichtschächten und der kontrollierten Erschließung verweist eher auf eine frühe Kernanlage des späten 13. oder frühen 14. Jahrhunderts als auf einen vollständigen Neubau erst im Zuge des Ausbaus um 1340.

Digitale Rekonstruktion des ursprünglichen Kernbaus Ende des 13. Jahrhunderts mit heute erhaltenen Bereichen (grün)
Funktionale Bewertung
Das erhaltene Erdgeschoss ist aufgrund seiner geschlossenen Struktur, der indirekten Erschließung, der minimalen Belichtung und des Fehlens aktiver Verteidigungselemente primär als geschützter Funktions-, Lager- und Rückzugsraum zu interpretieren. Die Funktion des Sockelgeschosses ist dabei deutlich von den ehemals aufgehenden Geschossen zu unterscheiden, die vermutlich Wohn-, Beobachtungs-, Sicherungs- und Herrschaftsfunktionen erfüllten.
Die Kombination aus Wehrturm, tonnengewölbten Nebenräumen, Brunnenanlage und kontrollierter innerer Erschließung verweist insgesamt auf eine weitgehend eigenständig organisierte Wehr- und Versorgungseinheit innerhalb der Turminsel. Der Wehrturm war damit nicht lediglich ein isolierter Verteidigungsbau, sondern Bestandteil eines funktional differenzierten Kernbereichs innerhalb der Gesamtanlage.
Die archivalischen Quellen des 17. und 18. Jahrhunderts belegen zudem, dass der Turm bis in die Frühe Neuzeit als markanter Baukörper bestand und offenbar noch umfangreiche aufgehende Geschosse besaß.
„Es war vordem ein großer Turm von 8 Etagen […] Anno 1735 ist der Turm abgebrochen.“
Gutsarchiv Angern, Rep. H Nr. 444
Weitere Quellen erwähnen nach dem 30jährigen Krieg innerhalb des Turmes zahlreiche Räume und Nutzungsbereiche:
„[…] vier Keller und der alte Turm […] worinne zwar viel Zimmer erbauet, allenthalben aber derselbe … sehr baufällig […]“
Dorfchronik Angern
Die archivalischen Hinweise sprechen dafür, dass der Turm auch nach den Zerstörungen des Dreißigjährigen Krieges noch weitgehend erhalten war und erst im Zuge der barocken Überformung schrittweise reduziert wurde.

Digitale Rekonstruktion des Wehrturm-Stumpfs mit Turmstube um 1680.
Befund F2: Aufgehendes Bruchsteinmauerwerk des Wehrturms
Befundbeschreibung
Der Befund umfasst die aufgehenden Wandflächen des erhaltenen Erdgeschosses des rechteckigen Wehrturms auf der Turminsel der Burg Angern. Sichtbar sind insbesondere Außen- und Innenmauerabschnitte an der Nord-, West- und Ostseite des Turmes. Die Mauerstruktur ist heute vor allem innerhalb der Keller- und Untergeschossbereiche des barocken Ostflügels zugänglich, in den der mittelalterliche Turmsockel integriert wurde.
Der Wehrturm besaß ursprünglich einen annähernd quadratischen Grundriss von etwa 10 × 10 m und bildete den baulichen Schwerpunkt der Turminsel. Die Mauerstärke beträgt im Erdgeschoss je nach Abschnitt etwa 1,80 bis 2,20 m. Das aufgehende Mauerwerk besteht aus unregelmäßigem Bruchsteinmauerwerk aus regional verfügbaren Feldsteinen, überwiegend Granit, Gneis und weiteren glazialen Geschieben unterschiedlicher Größe. Eine systematische Steinbearbeitung oder repräsentative Oberflächenbehandlung ist nicht erkennbar.
Die Steine wurden in kalkgebundenem Mörtel versetzt, dessen helle Bindematrix stellenweise sandige Zuschläge aufweist. Der Verband folgt keiner streng horizontalen Schichtung, zeigt jedoch eine klar erkennbare handwerkliche Systematik. Kleinere Bruchstücke und Spaltkeile dienten dem Ausgleich von Lagerflächen und Hohlräumen. Die Bauweise entspricht insgesamt einer funktional orientierten hochmittelalterlichen Feldsteinarchitektur ohne dekorative Gliederung.

Nordseite des Wehrturms mit bauzeitlichem Lichtschlitz in der Bruchsteinmauer.
Im Sockelbereich sind deutliche Feuchte- und Salzschäden erkennbar, insbesondere an den grabenseitigen Wandabschnitten. Diese Befunde stehen wahrscheinlich im Zusammenhang mit der langfristigen Wasserbelastung der Niederungsburg sowie mit der unmittelbaren Lage des Turmes innerhalb des ehemaligen Grabensystems. Trotz der Feuchtebelastung sind größere Setzungsrisse oder konstruktive Verwerfungen im sichtbaren Bestand nicht feststellbar. Die statische Integrität des Mauerwerks erscheint insgesamt erhalten.
Bauhistorische Bewertung
Das aufgehende Bruchsteinmauerwerk besitzt aufgrund seines hohen Erhaltungsgrades erhebliche bauhistorische Aussagekraft. Große Teile der mittelalterlichen Originalsubstanz sind innerhalb des Erdgeschosses erhalten geblieben. Hinweise auf tiefgreifende spätere Aufmauerungen oder substanzielle Umbauten sind im sichtbaren Bereich nicht eindeutig erkennbar. Spätere Eingriffe beschränken sich überwiegend auf sekundäre Verfugungen, Putzreste und oberflächliche Veränderungen.
Die massive Wandstärke, die reduzierte Öffnungsstruktur sowie die weitgehend schmucklose Ausführung sprechen für eine primär sicherungs- und verteidigungstechnisch bestimmte Bauweise. Besonders die Kombination aus tief eingeschnittenem Lichtschacht, massiver Sockelzone und kontrollierter innerer Erschließung verweist auf eine kompakte und defensiv organisierte Wehrarchitektur.
Die Materialwahl, die Mauertechnik sowie die funktionale Reduktion entsprechen typischen Merkmalen hochmittelalterlicher Feldsteinarchitektur norddeutscher Niederungsburgen. Im Unterschied zu süd- und mitteldeutschen Burgen tritt sorgfältig bearbeitetes Quadermauerwerk hier deutlich zurück. Stattdessen dominiert ein funktional orientierter Feldsteinverband, wie er für die Altmark und angrenzende Regionen charakteristisch ist.
Besonders bemerkenswert ist die Ausbildung des erhaltenen Eckbereichs des Wehrturms. Anders als bei zahlreichen mittelalterlichen Turmbauten sind keine zugerichteten Werksteinquader oder systematisch ausgebildeten Ecksteine nachweisbar. Die Gebäudeecke besteht vollständig aus großformatigen Geschiebesteinen unterschiedlicher Größe und Form, die ohne erkennbare Werksteinbearbeitung versetzt wurden. Mehrere dieser Steine wurden offenbar gezielt aufgrund ihrer Größe und Lagerfähigkeit ausgewählt. Die Konstruktion verweist auf eine konsequent materialorientierte Feldsteinbauweise, bei der Stabilität primär durch Wandstärke, Steinmasse und Mörtelverbund erreicht wurde.

Nord-östlicher Eckbereich des Wehrturms der Burg Angern
Die Unterschiede zwischen dem Mauerwerk des Wehrturms und den Ringmauerabschnitten der Hauptburg werfen zugleich die Frage nach einer möglichen mehrphasigen Entwicklung der Burganlage auf. Besonders die kompaktere Verbandsstruktur, die höhere Materialhomogenität sowie die auffällige Verwendung großformatiger Geschiebesteine im Turmbereich können sowohl auf unterschiedliche konstruktive Anforderungen als auch auf verschiedene Bauprogramme oder Bauphasen hinweisen. Die Befunde liefern damit ein mögliches Indiz für die Hypothese eines älteren Wehrkerns auf der Turminsel, erlauben gegenwärtig jedoch keine gesicherte chronologische Einordnung des erhaltenen Mauerwerks.
Funktionale Bewertung
Das aufgehende Bruchsteinmauerwerk war Teil eines massiv gesicherten Wehr- und Rückzugsbaus innerhalb der Turminsel. Die außergewöhnlichen Wandstärken dienten nicht nur der statischen Lastaufnahme der ehemals aufgehenden Geschosse, sondern besaßen zugleich erhebliche sicherungstechnische Bedeutung. Die stark reduzierte Öffnungsstruktur minimierte potenzielle Schwachstellen innerhalb des Turmkörpers und verweist auf eine kontrollierte innere Nutzung.
Im Zusammenhang mit den angrenzenden Gewölberäumen, der autonomen Wasserversorgung sowie der kontrollierten Erschließung erscheint der Wehrturm als Bestandteil einer eigenständig organisierten Wehr-, Rückzugs- und Versorgungseinheit innerhalb der Turminsel. Das aufgehende Bruchsteinmauerwerk dokumentiert damit nicht nur die Bauweise des Turmes selbst, sondern zugleich die funktionale Logik eines komplexen hochmittelalterlichen Wasserburgsystems.
Befund F3: Lichtschacht in der Nordwand des Wehrturms
Befundbeschreibung
Der Befund umfasst eine schmale Öffnung in der Nordwand des erhaltenen Erdgeschosses des rechteckigen Wehrturms auf der Turminsel der Burg Angern. Die Öffnung liegt etwa 2,2 m über dem rekonstruierten mittelalterlichen Außenniveau und orientiert sich zur ehemaligen Wasserfläche des Burggrabens. Sie stellt die einzige gesicherte bauzeitliche Außenöffnung des vollständig geschlossenen und tonnengewölbten Erdgeschosses dar und besitzt daher besondere Bedeutung für die funktionale Interpretation des Raumes.
Der Lichtschacht ist tief in das massive Bruchsteinmauerwerk eingeschnitten und weist eine konisch nach außen zulaufende Laibung auf. Die Öffnung verjüngt sich deutlich zur Außenseite hin und besitzt eine flachtonnig gewölbte Schachtdecke. Die innere Ausbildung folgt einer funktionalen Formgebung, die eine minimale Lichtzufuhr und Belüftung bei gleichzeitig möglichst geringer Schwächung des Mauerwerks ermöglicht.

Lichtschacht innerhalb der Nordwand des Wehrturms.
Die untere Laibung besteht aus einer plan bearbeiteten Steinfläche ohne innere Auftritts- oder Durchtrittszone. Seitenwände und Gewölbebereich sind mit Kalkputz versehen, der deutliche Feuchte- und Alterungsspuren zeigt. Hinweise auf tiefgreifende sekundäre Überformungen oder nachträgliche Veränderungen der Schachtgeometrie sind im sichtbaren Bestand nicht erkennbar.
Auch die Außenöffnung erscheint konstruktiv homogen in den Bruchsteinverband eingebunden. Der umgebende Mauerverband zeigt keine eindeutig erkennbaren Hinweise auf spätere Vergrößerungen oder tiefgreifende Veränderungen der Öffnung. Kleinere Reparaturen oder oberflächliche Ausbesserungen können jedoch nicht ausgeschlossen werden.

Innenansicht des Lichtschachtes innerhalb des massiven Bruchsteinmauerwerks.
Bauhistorische Bewertung
Die Ausbildung des Lichtschachtes besitzt erhebliche bauhistorische Aussagekraft. Die Kombination aus minimaler Öffnungsgröße, tiefer Mauereinbindung und funktionaler Reduktion entspricht typischen Konstruktionsprinzipien hochmittelalterlicher Wehrarchitektur Norddeutschlands. Besonders die massive Einbindung in den Bruchsteinverband sowie die konstruktive Verbindung mit der erhaltenen Gewölbestruktur sprechen dafür, dass der Lichtschacht Bestandteil der ursprünglichen Baukonzeption des Turmes war.
Charakteristische Merkmale hochmittelalterlicher Schießscharten sind dagegen nicht nachweisbar. Es fehlen insbesondere ein innerer Standbereich, asymmetrische Erweiterungen zur Waffenführung sowie seitliche Zielausrichtungen. Die Öffnung ist daher nicht als aktives Verteidigungselement, sondern primär als funktionale Belichtungs- und Belüftungslösung zu interpretieren.
Die Orientierung des Lichtschachtes zum ehemaligen Wassergraben besitzt zusätzliche bauhistorische Bedeutung. Die Lage innerhalb der grabenseitigen Nordwand reduzierte potenzielle Angriffsrisiken und ermöglichte gleichzeitig eine minimale Licht- und Luftzufuhr innerhalb des ansonsten geschlossenen Sockelraumes. Die Ausbildung verweist damit auf eine bewusst kontrollierte Balance zwischen Schutzfunktion und funktionaler Nutzbarkeit des Innenraumes.
Innerhalb der Laibung sind zudem Reste metallischer Einbindungen erkennbar, die wahrscheinlich auf eine ehemalige Vergitterung oder Sicherung der Öffnung hinweisen. Auch dieser Befund unterstreicht den geschützten Charakter des Raumes und die sicherheitsorientierte Gesamtplanung der Turmarchitektur.

Mögliche Reste einer ehemaligen Vergitterung innerhalb der Laibung.
Die konstruktive Einbindung des Lichtschachtes in das Bruchsteinmauerwerk sowie das Fehlen erkennbarer sekundärer Ansätze sprechen gegen eine nachträgliche barocke Öffnung. Nach gegenwärtiger Befundlage erscheint wahrscheinlich, dass Lichtschacht und Mauerwerk einer gemeinsamen Bauphase angehören. Eine genauere chronologische Einordnung lässt sich aus dem Befund allein jedoch nicht ableiten.
Funktionale Bewertung
Der Lichtschacht diente der minimalen Belichtung und Belüftung des geschlossenen Erdgeschossraumes, ohne die Schutzwirkung der massiven Außenwand wesentlich zu beeinträchtigen. Die funktionale Reduktion der Öffnung verweist auf einen Raum, dessen Nutzung primär auf Schutz, Lagerung oder Rückzug ausgerichtet war und nicht auf aktive Verteidigung oder repräsentative Wohnfunktionen.
Im Zusammenhang mit der kontrollierten inneren Erschließung des Turmes, den angrenzenden Gewölberäumen sowie der eigenständigen Wasser- und Versorgungsstruktur der Turminsel erscheint der Lichtschacht als Bestandteil eines bewusst organisierten Wehr- und Funktionssystems. Der Befund liefert damit wichtige Hinweise auf die sicherheitstechnische Konzeption des Wehrturmes und die funktionale Organisation der Turminsel innerhalb der Gesamtanlage der Burg Angern.
Befund F4: Archivalisch belegter Turmverlust (Negativbefund)
Befundbeschreibung
Vom ursprünglich aufgehenden Wehrturm der Burg Angern sind heute lediglich das massive Erdgeschoss sowie Teile der unteren Mauerzonen erhalten. Sämtliche oberen Geschosse des Turmes sind verloren und archäologisch nicht mehr unmittelbar nachvollziehbar. Der heutige Erhaltungszustand stellt damit einen bedeutenden Negativbefund dar, da wesentliche Bereiche der ursprünglichen Höhenentwicklung, Dachausbildung, inneren Raumstruktur und Erschließung des Turmes fehlen.
Die archivalische Überlieferung belegt jedoch eindeutig, dass der Turm bis in die Frühe Neuzeit wesentlich höher aufragte und noch umfangreiche aufgehende Geschosse besaß. Besonders aufschlussreich ist die Überlieferung eines ehemals „großen Turms von 8 Etagen“, der erst im Zusammenhang mit den barocken Umbauten des 18. Jahrhunderts abgetragen wurde:
„Es war vordem ein großer Turm von 8 Etagen […] Anno 1735 ist der Turm abgebrochen.“
Gutsarchiv Angern, Rep. H Nr. 444
Weitere archivalische Quellen erwähnen nach dem 30 jährigen Krieg im Rahmen einer Taxation innerhalb des Turmes zahlreiche Räume und Nutzungsbereiche (vgl. Quellenlage zur Burg Angern):
„[…] vier Keller und der alte Turm […] worinne zwar viel Zimmer erbauet, allenthalben aber derselbe … sehr baufällig […]“
Dorfchronik Angern
Zusätzlich verweist die 1735 erwähnte „Turmstube“ mit Ofenanlage und mehreren Fenstern auf weiterhin nutzbare Aufenthaltsräume innerhalb der oberen Turmgeschosse.
Bauhistorische Bewertung
Der Verlust der aufgehenden Geschosse besitzt erhebliche bauhistorische Bedeutung, da zentrale Aussagen zur ursprünglichen Höhenentwicklung, Dachform, inneren Erschließung und Nutzung des Turmes heute nur noch indirekt über Negativbefunde und archivalische Quellen rekonstruiert werden können. Besonders die fehlende innere Vertikalerschließung innerhalb des erhaltenen Erdgeschosses erhält vor diesem Hintergrund zusätzliche Aussagekraft. Die archivalisch belegte Mehrgeschossigkeit des Turmes macht deutlich, dass ursprünglich komplexe Erschließungs- und Nutzungssysteme vorhanden gewesen sein müssen, die heute vollständig verloren sind. Hierzu dürften insbesondere hölzerne Treppen-, Leiter-, Wehrgang- und Podestkonstruktionen gehört haben.
Die archivalischen Hinweise sprechen zugleich gegen die Vorstellung eines rein funktionalen oder ausschließlich militärisch genutzten Wehrturmes. Vielmehr deutet die Überlieferung mehrerer Zimmer, beheizbarer Aufenthaltsräume und einer „Turmstube“ darauf hin, dass der Turm zumindest zeitweise auch Wohn-, Herrschafts- und Repräsentationsfunktionen erfüllte (vgl. Nachkriegsphase 1631–1735).
Von besonderer Bedeutung ist dabei die Kombination aus massiv erhaltenem Sockelgeschoss und weitgehend verlorenem aufgehenden Baukörper. Während das Erdgeschoss mit seiner geschlossenen Struktur, den außergewöhnlichen Wandstärken und der reduzierten Öffnungsarchitektur stark defensiv geprägt erscheint, dürften die oberen Geschosse funktional deutlich differenzierter organisiert gewesen sein.
Funktionale Bewertung
Der archivalisch belegte Turmverlust erschwert die vollständige Rekonstruktion der ursprünglichen Wehr- und Funktionsarchitektur erheblich. Gleichzeitig erlaubt die Kombination aus erhaltenem Sockelgeschoss und schriftlicher Überlieferung wichtige Rückschlüsse auf die ursprüngliche Gesamtgestalt des Turmes. Die Befundlage spricht dafür, dass der Wehrturm ursprünglich nicht als einfacher geschlossener Bergfried konzipiert war, sondern als komplexer mehrgeschossiger Wehr-, Wohn- und Herrschaftsbau innerhalb der Turminsel fungierte. Die oberen Geschosse dürften dabei Beobachtungs-, Wohn-, Repräsentations- und Rückzugsfunktionen miteinander verbunden haben.
Vor dem Hintergrund der frühen urkundlichen Erwähnung des Geschlechts von Angern im Jahr 1160 erscheint zudem grundsätzlich denkbar, dass der steinerne Wehrturm aus einem älteren hölzernen Vorgängerbau hervorging, der ursprünglich zum befestigten Edelhof des Theodericus de Angeren gehörte (vgl. Hypothese einer älteren Turminsel und eines hochmittelalterlichen Wehrkerns). Eine solche Entwicklung von einem frühen hölzernen Wehr- oder Wohnturm zu einem später massiv ausgebauten steinernen Turmbau entspricht bekannten Entwicklungsmustern hochmittelalterlicher Niederungsburgen Norddeutschlands. Ein direkter archäologischer Nachweis für einen hölzernen Vorgängerturm liegt bislang jedoch nicht vor.
Der Befund besitzt damit erhebliche bauhistorische Aussagekraft, da gerade der Verlust wesentlicher Bauteile Rückschlüsse auf die ursprüngliche funktionale Organisation des Turmes ermöglicht. Der heutige Erhaltungszustand dokumentiert zugleich die tiefgreifenden Veränderungen der Burganlage zwischen Mittelalter, frühneuzeitlicher Nachnutzung und barocker Überformung.
Befund F5: Fehlende innere Vertikalerschließung des Wehrturms (Negativbefund)
Befundbeschreibung
Im erhaltenen Erdgeschoss des Wehrturms der Turminsel ist keine bauliche Vertikalerschließung zu den ehemals darüberliegenden Geschossen nachweisbar. Der vollständig erhaltene tonnengewölbte Raum weist weder eine innere Treppe noch Mauerdurchbrüche, Treppenschächte oder Durchstiege im Gewölbe auf, die auf eine direkte Verbindung zu höhergelegenen Ebenen schließen ließen.
Das Erdgeschoss umfasst einen etwa 10 × 10 m großen geschlossenen Gewölberaum mit massiven Wandstärken von etwa 2,20 bis 2,50 m. Das Mauerwerk erscheint im untersuchten Bereich weitgehend homogen; Hinweise auf sekundär verschlossene vertikale Zugänge oder nachträglich beseitigte Treppensysteme sind im sichtbaren Bestand bislang nicht erkennbar.
Der Zugang zum Erdgeschoss erfolgt ausschließlich über den angrenzenden tonnengewölbten Kern- beziehungsweise Nebenbau der Turminsel (vgl. Befund G2). Die direkte funktionale Verbindung zwischen Kernraum und Turmerdgeschoss verweist auf eine kontrollierte innere Erschließungsstruktur innerhalb eines geschlossenen Wehr- und Versorgungssystems.

Ebenerdiger Durchgang zwischen Nebengebäude und Wehrturm
Bauhistorische Bewertung
Das Fehlen einer inneren Vertikalerschließung stellt einen bedeutenden bauarchäologischen Negativbefund dar. Die massive und weitgehend geschlossene Ausbildung des Erdgeschosses erscheint eher mit einer Nutzung als geschützter Lager-, Funktions- oder Rückzugsraum vereinbar als mit einer regulären Haupterschließung des Turmes. Besondere bauhistorische Bedeutung besitzt dabei die enge funktionale Verbindung zwischen Kernraum und Wehrturm. Die Kombination aus fehlender innerer Vertikalerschließung, massiver Gewölbeausbildung, kontrollierter Zugangssituation und funktionaler Gliederung der Turminsel spricht gegen einen vollständig isolierten Turmbau und verweist vielmehr auf ein komplex organisiertes Erschließungs- und Versorgungssystem innerhalb der Gesamtanlage.
Vor diesem Hintergrund erscheint es plausibel, dass die eigentliche vertikale Erschließung des Turmes ursprünglich nicht innerhalb des Erdgeschosses, sondern über höhergelegene Lauf-, Podest- oder Holzkonstruktionen erfolgte. Die heutige Wahrnehmung mittelalterlicher Wehrtürme wird dabei häufig durch den vollständigen Verlust der ursprünglichen Holzarchitektur verzerrt. Wehrgänge, Laufebenen, Leitern und Treppenkonstruktionen sind archäologisch vielfach nicht mehr nachweisbar, obwohl sie für die ursprüngliche Nutzung wesentlich gewesen sein dürften.
Besonders vor dem Hintergrund der geringen Distanz zwischen Hauptburg und Turminsel erscheint eine erhöhte Verbindung zwischen der Ringmauer beziehungsweise den hölzernen Laufebenen der Hauptburg und einem höhergelegenen Zugang des Wehrturmes grundsätzlich plausibel. Eine solche Brücken- oder Podestkonstruktion könnte die kontrollierte Erschließung der oberen Turmgeschosse ermöglicht haben, ohne das massiv geschützte Erdgeschoss als regulären Zugang nutzen zu müssen.
Besondere Bedeutung besitzt in diesem Zusammenhang der innerhalb des angrenzenden Kern- beziehungsweise Nebenbaus erhaltene vertikale Mauerschacht sowie die enge funktionale Verbindung zwischen Nebenbau und Wehrturm (vgl. Befund F6). Der Nebenbau verfügte über einen Zugang vom Innenbereich der Turminsel sowie über einen direkten überwölbten Durchgang zum Erdgeschoss des Wehrturms. Auch wenn eine vollständige vertikale Erschließung archäologisch nicht unmittelbar nachweisbar ist, spricht die Kombination aus vertikalem Schacht, Binnenzugängen, kontrollierter Inselstruktur und fehlender innerer Turmerschließung dafür, dass die oberen Turmgeschosse ursprünglich über den angrenzenden Kernbau und hölzerne Treppen-, Leiter- oder Podestkonstruktionen erschlossen wurden. Vor dem Hintergrund der geringen Distanz zwischen Hauptburg und Turminsel erscheint zudem eine erhöhte Lauf- oder Brückenverbindung zwischen Ringmauer der Hauptburg und Hocheingang des Turmes grundsätzlich plausibel. Die Befundlage verweist damit insgesamt auf eine ungewöhnlich stark gegliederte und kontrollierte Binnenorganisation der Burganlage.
Die Kombination aus fehlender innerer Vertikalerschließung, kontrollierter Inselstruktur und unmittelbarer Nähe zur Ringmauer der Hauptburg spricht daher für ein ehemals komplexes System hölzerner Lauf- und Brückenkonstruktionen zwischen beiden Inselbereichen. Vergleichbare erhöhte Zugangslösungen sind innerhalb hochmittelalterlicher Wehr- und Wohntürme vielfach nachweisbar.
Auch typologische Vergleichswerte sprechen für eine erhöhte Zugangsebene. Erdgeschosse dienten bei hochmittelalterlichen Wehr- und Wohntürmen häufig Lager-, Schutz- oder Versorgungsfunktionen, während die eigentliche Erschließung der oberen Geschosse über Hocheingänge, Wehrgänge oder angrenzende Nebengebäude erfolgte. Vergleichbare Lösungen sind unter anderem an norddeutschen Niederungsburgen wie Beetzendorf nachweisbar.

Rekonstruktion der Hypothese einer Brückenverbindung zwischen Ringmauer der Hauptburg und dem Hocheingang des Wehrturms
Funktionale Bewertung
Der Negativbefund verweist auf eine kontrollierte und sicherheitsorientierte Zugangskonzeption des Wehrturmes. Das Erdgeschoss diente offenbar nicht als regulärer Durchgangs- oder Aufenthaltsraum, sondern als massiv geschützter Sockel- und Funktionsraum innerhalb des Turmkörpers.
Die wahrscheinliche Erschließung über höhergelegene Holz- oder Laufkonstruktionen entspricht zugleich der funktionalen Logik hochmittelalterlicher Wehrarchitektur. Bewegungsabläufe zwischen Hauptburg, Turminsel und Turm konnten dadurch gezielt kontrolliert werden, ohne den besonders geschützten Kernbereich unmittelbar von außen zugänglich zu machen.
Der Befund liefert damit wichtige Hinweise auf die ursprüngliche Zugangskonzeption des Wehrturmes sowie auf die funktionale Organisation der Turminsel als eigenständig gesicherter Wehr-, Rückzugs- und Versorgungskomplex innerhalb der Gesamtanlage der Burg Angern.
Befund F6: Zugangssystem zwischen Hauptburg, Turminsel und Turm – rekonstruktive Analyse
Ausgangslage und Fragestellung
Die bauarchäologische Untersuchung des Turmes zeigt, dass innerhalb des erhaltenen Erdgeschosses keine innere Vertikalerschließung zu den ehemals darüberliegenden Geschossen nachweisbar ist (vgl. Befund F5). Hieraus ergibt sich die Frage, auf welchem Weg die oberen Turmebenen ursprünglich erschlossen wurden und wie der Turm funktional in die Gesamtstruktur der Turminsel und der Hauptburg eingebunden war.

Digitale Rekonstruktion der Turminsel mit Turm, Nebenbau und möglicher Zugangssituation um 1340
Befundzusammenhang
Der Turm steht in unmittelbarer baulicher Beziehung zu einem südlich angrenzenden tonnengewölbten Nebenbau (vgl. Befund G3). Das Nebengebäude besitzt:
- einen Zugang vom Innenbereich der Turminsel,
- eine Verbindung zum Erdgeschoss des Turmes,
- sowie Hinweise auf weitere interne Erschließungsfunktionen.
Damit ist eine gesicherte horizontale Verbindung zwischen beiden Baukörpern im Sockelbereich nachweisbar. Eine direkte vertikale Erschließung innerhalb des in Teilen noch vorhandenen Nebenbaus konnte archäologisch bislang jedoch nicht festgestellt werden. Aufgrund späterer Überformungen und der weitgehenden Verluste ursprünglicher Holzarchitektur kann ihr ehemaliges Vorhandensein dennoch nicht ausgeschlossen werden.
Rekonstruktiver Ansatz
Unter Berücksichtigung der topographischen Situation, der erhaltenen Wassergräben, der vorhandenen Baubefunde sowie typologischer Vergleichsdaten ergibt sich folgendes mögliches Erschließungsszenario:
- Verbindung zwischen Hauptburg und Turminsel über eine kurze hölzerne Steg-, Podest- oder Wehrgangkonstruktion,
- Zugang zum Innenbereich der Turminsel,
- Eintritt in den Nebenbau im Erdgeschoss,
- vertikale Erschließung innerhalb des Nebenbaus über hölzerne Treppen-, Leiter- oder Podestkonstruktionen,
- sowie Zugang zum Turm über eine erhöhte Zugangsebene.
Dieses Modell stellt eine funktional konsistente Verbindung der vorhandenen Befunde dar und erklärt sowohl die fehlende innere Erschließung des Turmes als auch die enge bauliche Beziehung zwischen Nebenbau und Turm.
Bauliche Hinweise
Zwischen Nebenbau und Turm ist ein überwölbter Durchgang erhalten, der konstruktiv regulär in das Mauerwerk eingebunden erscheint. Die Ausbildung der Laibung sowie die Einbindung in das massive Bruchsteinmauerwerk sprechen für eine funktionale Verbindung beider Räume. Zusätzlich besitzt der Nebenbau eine heute sekundär zugesetzte Türöffnung zum Innenbereich der Turminsel. Beide Öffnungen sprechen zusammen für eine gegliederte Binnenerschließung innerhalb der Turminsel.
Im Sockelbereich treten stellenweise Mischmauerwerke aus Bruchstein und Ziegelanteilen (opus mixtum) auf. Diese Befunde deuten auf spätere Überformungen oder Reparaturphasen hin. Eine eindeutige Trennung zwischen ursprünglicher Bauphase und sekundären Eingriffen ist derzeit nicht möglich.

Methodische Bewertung
Die Interpretation stützt sich wesentlich auf die Kombination aus erhaltenem Baubestand und Negativbefunden. Von besonderer Bedeutung sind dabei:
- das Fehlen innerer Vertikalerschließung innerhalb des Turmes,
- die funktionale Beziehung zwischen Turm und Nebenbau,
- die erhaltenen Binnenzugänge,
- die Wassertrennung zwischen Hauptburg und Turminsel,
- sowie typologische Vergleichswerte hochmittelalterlicher Niederungsburgen.
Das hier dargestellte Szenario ist als rekonstruktives Modell zu verstehen. Es verbindet die vorhandenen Befunde funktional miteinander, ersetzt jedoch keinen direkten archäologischen Nachweis. Alternative Lösungen – insbesondere außenliegende Treppen-, Leiter- oder Wehrgangkonstruktionen – bleiben grundsätzlich denkbar.
Funktionale Einordnung
Die enge bauliche Beziehung zwischen Turm und Nebenbau legt nahe, dass beide Baukörper funktional eng miteinander verzahnt waren. Der Turm erscheint damit nicht als vollständig isolierter Einzelbau, sondern als Bestandteil einer komplexeren Nutzungseinheit innerhalb der Turminsel. Die Kombination aus:
- Nebenbau,
- Gewölberäumen,
- Brunnenanlage,
- geschütztem Innenbereich,
- sowie segmentierter Zugangssituation
verweist auf eine eigenständige Teilstruktur der Burganlage, die Schutz-, Wehr-, Versorgungs- und Kontrollfunktionen miteinander verband. Die Befundlage deutet insgesamt auf eine ungewöhnlich stark gegliederte und kontrollierte Binnenorganisation der Burg Angern hin, bei der Bewegungsabläufe offenbar bewusst indirekt und funktional segmentiert organisiert wurden.
Zusammenfassung
Die ursprüngliche Erschließung der oberen Turmgeschosse ist archäologisch nicht direkt nachweisbar. Der fehlende Zugang innerhalb des Erdgeschosses stellt jedoch einen bedeutenden Negativbefund dar und macht indirekte Zugangslösungen wahrscheinlich. Das hier entwickelte Rekonstruktionsmodell verbindet die vorhandenen Befunde zu einem funktional plausiblen Gesamtbild aus:
- Hauptburg,
- Wassergraben,
- Turminsel,
- Nebenbau,
- sowie erhöhter Turmerschließung.
Eine abschließende Klärung der ursprünglichen Zugangssituation bedarf jedoch weiterführender bauarchäologischer Untersuchungen.