Der Wehrgang der Burg Angern im architekturhistorischen Kontext
Die Ringmauer der Burg Angern besaß um die Mitte des 14. Jahrhunderts wahrscheinlich keinen durchgehenden, gemauerten Wehrgang, wie er für spätmittelalterliche Höhenburgen in Süddeutschland oder Böhmen charakteristisch ist.

Rekonstruktionsdarstellung möglicher Wehrgangssituationen
Die baulichen Befunde sowie der Vergleich mit zeitgleichen Anlagen in der Altmark (Kalbe/Milde, Beetzendorf, Letzlingen, Brome) sprechen dafür, dass statt eines umlaufenden Wehrgangs punktuelle, hölzerne Plattformen vorhanden waren. Diese dürften an der Innenseite der Ringmauer angebracht gewesen sein, etwa auf Konsolen oder eingelassenen Tragbalken. Solche Konstruktionen wären nicht durchlaufend gewesen, sondern hätten gezielt besonders exponierte Abschnitte der Mauer gesichert.
Für Angern lassen sich auf dieser Grundlage mehrere funktional wichtige Positionen rekonstruieren:
- Westlicher Torbereich zur Kontrolle des Zugangs von der Vorburg;
- Südseite der Hauptburg im Bereich der Verbindung zur Turminsel;
- Nordostseite in Richtung der offenen Siedlungsfläche.
Diese punktuelle Ausstattung entspricht dem militärischen Bedarf einer wasserumwehrten Niederungsburg, bei der nicht eine flächendeckende Verteidigung, sondern die Kontrolle einzelner neuralgischer Punkte im Vordergrund stand.
Die Ringmauer selbst bestand aus unregelmäßigem Bruchsteinmauerwerk mit einer geschätzten Stärke von etwa 1,2 bis 1,5 Metern und einer möglichen Höhe von bis zu etwa 7 Metern. Sie bildete die primäre bauliche Barriere, während zusätzliche Verteidigungselemente flexibel ergänzt werden konnten.
Die Verwendung hölzerner Aufbauten ermöglichte eine modulare Anpassung: Plattformen konnten ergänzt, repariert oder entfernt werden. Diese Bauweise war ressourcenschonend und an die wirtschaftlichen Möglichkeiten angepasst.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Integration des Palas in die Ringmauer. Im östlichen Bereich übernahm die Außenwand des Palas zugleich die Funktion der Wehrmauer. Damit wurden Wohn-, Repräsentations- und Verteidigungsfunktionen baulich kombiniert.
Zusammen mit dem Wassergraben und der separaten Turminsel entstand ein abgestuftes Verteidigungssystem, das auf räumlicher Trennung und kontrollierten Übergängen beruhte.
Militärisch-taktischer Kontext
Die Bauweise der Burg Angern ist im Kontext ihrer Lage als Wasserburg der norddeutschen Tiefebene zu verstehen. Der umlaufende Graben bildete bereits eine wirksame erste Verteidigungslinie und reduzierte die Notwendigkeit eines durchgehenden Wehrgangs.
Die Verteidigungsstrategie konzentrierte sich offenbar auf die Sicherung zentraler Zugänge und Übergänge. Dazu gehörten insbesondere der Bereich des Haupttores, die Verbindung zur Turminsel sowie exponierte Abschnitte der Ringmauer. Eine dauerhafte, vollständig besetzte Verteidigungsstruktur ist nicht anzunehmen. Vielmehr ist von einer kleineren Besatzung auszugehen, die im Bedarfsfall gezielt verstärkt wurde.
Das Verteidigungssystem war zudem gestuft aufgebaut: Die Ringmauer bildete die äußere Sicherung, dahinter lagen Palas und Innenhof, während der Bergfried auf der Turminsel als besonders geschützter Rückzugsraum fungierte.
Erhaltung der Ringmauer
Die Ringmauer der Burg Angern wurde im Dreißigjährigen Krieg offenbar nicht durch systematischen Artilleriebeschuss zerstört. Die Angriffe im Jahr 1631 erfolgten eher in Form von Überfällen und Brandlegungen. Hinweise auf Beschussschäden oder gezielte Zerstörung durch schwere Belagerungsgeräte fehlen im Befund. Der Verlust der Mauerstruktur ist vielmehr auf Brände, Verfall sowie spätere Materialentnahme zurückzuführen.
Einzelne Abschnitte der Bruchsteinmauer sind bis heute erhalten und lassen sich als Teile der ursprünglichen Ringmauer ansprechen. Ihre Materialität und Bauweise entsprechen den typischen Merkmalen hochmittelalterlicher Befestigungen in der Altmark.
Während der barocken Umgestaltung wurden größere Teile der aufgehenden Mauer abgetragen, jedoch blieben Teile der Sockelzone und der unteren Wandbereiche erhalten und wurden teilweise in spätere Baustrukturen integriert.

Erhaltener Abschnitt der Ringmauer (20. Jahrhundert)
Fazit
Die Ringmauer der Burg Angern war Teil eines funktional reduzierten, aber wirkungsvollen Verteidigungssystems. Anstelle eines durchgehenden Wehrgangs ist von einer punktuellen Sicherung durch hölzerne Plattformen auszugehen.
Die Kombination aus Wassergraben, Ringmauer, integrierten Baukörpern und separater Turminsel zeigt eine auf die örtlichen Gegebenheiten abgestimmte Verteidigungsstrategie.
Die Anlage steht damit exemplarisch für die pragmatische Bauweise hochmittelalterlicher Niederungsburgen, bei der wirtschaftliche, topographische und militärische Faktoren eng miteinander verbunden waren.