Die Fensteröffnungen im östlichen Mauerzug des tonnengewölbten Palas-Erdgeschosses der Burg Angern stellen gut erhaltene Beispiele mittelalterlicher Lichtöffnungen in Niederungsburgen der Altmark dar. Ihre tiefe, trichterförmig ausgearbeitete Laibung sowie die segmentbogigen Abschlüsse sprechen für eine Entstehung im Zusammenhang mit der ursprünglichen Bauphase des 14. Jahrhunderts.
Die Ausbildung der Öffnungen ist funktional geprägt: Die starke Mauertiefe wird durch eine nach innen aufgeweitete Laibung ausgeglichen, wodurch eine verbesserte Lichtführung in die ansonsten schwach belichteten Gewölberäume erreicht wird. Die Ausrichtung der Öffnungen im Zusammenhang mit dem Umkehrgang lässt zudem eine gezielte Anordnung im Sinne einer optimierten Belichtung der inneren Erschließungszonen plausibel erscheinen.
In ihrer Gesamtheit sind die Fensteröffnungen als Bestandteil einer funktional orientierten Bauweise zu interpretieren, wie sie für nichtrepräsentative Räume mittelalterlicher Burgen charakteristisch ist. Eine eindeutige bauzeitliche Datierung einzelner Elemente ist zwar nicht durch direkte Befunde gesichert, wird jedoch durch die konstruktive Einbindung und Materialkohärenz innerhalb des Palas gestützt.
Befund B1: Fensteröffnung im nördlichen Raum des Palas
Befundbeschreibung
Lage und Raumeinbindung: Die Fensteröffnung befindet sich in der Ostwand des nördlichen tonnengewölbten Erdgeschossraumes des Palas auf der Hauptburginsel der Burg Angern. Sie ist Teil der östlichen Ringmauer der Hauptburg und liegt tief im aufgehenden Mauerwerk. Die Öffnung ist außerhalb des Gewölbescheitels positioniert und befindet sich damit in einer statisch weniger beanspruchten Zone der Gewölbekonstruktion. In Verbindung mit der asymmetrischen Anordnung der Fensteröffnungen (vgl. Befund A6) ergibt sich eine konstruktiv nachvollziehbare Platzierung.
Maße und Form: Die Öffnung besitzt eine annähernd quadratische Lichtweite von ca. 40 × 40 cm. Die Laibung ist konisch nach außen verjüngt und wird von einem flach segmentbogigen Sturz abgeschlossen.
Bauanalytische Einordnung
Innenkonstruktion: Die Innenansicht zeigt eine tief eingeschnittene, konisch ausgearbeitete Laibung aus hochkant gesetzten Handstrichziegeln. Der segmentbogige Sturz besteht ebenfalls aus handgefertigten Ziegeln. Die Ziegel weisen typische Merkmale handwerklicher Fertigung auf, darunter unregelmäßige Maße, weichkantige Profile und variierende Brenntönungen. Die Einbindung der Laibung in das umgebende Mauerwerk spricht für eine Zugehörigkeit zur ursprünglichen Bauphase des Palas.
Erhaltungszustand innen: Der Putz der inneren Laibung ist teilweise verloren. Sichtbar sind Erosionsspuren, Materialausbrüche und Feuchteschäden. Die konstruktive Struktur der Öffnung ist jedoch vollständig erhalten. Hinweise auf nachträgliche Erweiterungen oder Durchbrüche sind nicht erkennbar.

Außenansicht: Die äußere Laibung zeigt eine deutliche Überformung. Ein im Sturz eingelassener Ziegel mit der Prägung „Kehnert“ verweist auf eine Entstehung im 19. Jahrhundert. Der Sturz besteht aus regelmäßig geformten, industriell gefertigten Ziegeln. Fugenverläufe und Anschlussbereiche zum Bruchsteinmauerwerk zeigen Bindungsstörungen und unterschiedliche Mörtelstrukturen. Diese Befunde sprechen für eine nachträgliche Reparatur oder Neufassung des äußeren Bereichs. Die innere Laibung sowie die Gewölbestruktur sind von dieser Maßnahme nicht betroffen und weisen weiterhin mittelalterliche Substanz auf.

Funktionale Interpretation
Die Ausbildung der Fensteröffnung entspricht funktionalen Lichtöffnungen in massiven Keller- und Erdgeschossräumen mittelalterlicher Burgen. Die konische Laibung vergrößert den Lichteinfall bei gleichzeitig geringer äußerer Öffnungsfläche und reduziert damit statische Schwächungen des Mauerwerks. Die Lage der Öffnung in Verbindung mit der asymmetrischen Anordnung der Fenster (vgl. Befund A6) sowie die Ausrichtung zum Umkehrgang lassen eine gezielte Lichtführung plausibel erscheinen. Durch den indirekten Lichteinfall in die angrenzenden Eingangsbereiche konnte ein Mindestmaß an Orientierung in den ansonsten fensterarmen Räumen gewährleistet werden.
Bewertung
Die Fensteröffnung stellt ein gut erhaltenes Beispiel einer funktional ausgerichteten Lichtöffnung innerhalb eines tonnengewölbten Palas-Erdgeschosses dar. Die Kombination aus bauzeitlicher Innenstruktur und späterer Überformung der Außenlaibung erlaubt eine differenzierte bauhistorische Einordnung. Die konstruktive Einbindung, Materialität und Lage innerhalb des Gewölbes sprechen für eine Entstehung im Zusammenhang mit der Bauphase des Palas im 14. Jahrhundert. Die spätere Überarbeitung des äußeren Fassungsbereichs im 19. Jahrhundert stellt eine sekundäre Anpassung dar, die die ursprüngliche Funktion der Öffnung nicht grundlegend verändert hat.
Befund B2: Fensteröffnung im südlichen Raum des Palas
Befundbeschreibung
Lage und Raumeinbindung: Die Fensteröffnung befindet sich in der Ostwand des südlichen tonnengewölbten Erdgeschossraumes des Palas auf der Hauptburginsel. Sie liegt tief im aufgehenden Mauerwerk der Ringmauer der Hauptburg und ist außerhalb des Gewölbescheitels positioniert. Die Fensteröffnungen des Palas sind asymmetrisch angeordnet: im nördlichen Raum südlich, im südlichen Raum nördlich versetzt (vgl. Befund A6). Diese Lage entspricht einer statisch günstigen Position außerhalb der Hauptlastzonen der Gewölbekonstruktion.
Maße und Form: Die Öffnung besitzt eine annähernd quadratische Lichtweite von ca. 40 × 40 cm. Die Laibung ist konisch ausgebildet und nach außen verjüngt. Der Sturz ist als flach segmentbogige Konstruktion ausgeführt. Die Lage im unteren Wanddrittel entspricht der typischen Position funktionaler Lichtöffnungen in mittelalterlichen Keller- und Erdgeschossräumen.
Bauanalytische Einordnung
Innenkonstruktion: Die Laibung ist tief eingeschnitten und weist einen heterogenen Materialverband auf. Seitliche und untere Flächen bestehen aus unregelmäßigem Mischmauerwerk mit Putzresten und Bruchsteinanteilen. Die Oberfläche ist teilweise geglättet, jedoch in Bereichen verwittert oder ausgebrochen. Der Sturz ist als segmentbogige Konstruktion ausgebildet, möglicherweise unter Verwendung von Formputz oder großformatigen Werksteinen. Eine klare Ziegelschichtung wie beim nördlichen Fenster ist nicht erkennbar.
Erhaltungszustand innen: Der Putz ist unregelmäßig erhalten und zeigt typische Alterungserscheinungen wie Risse, Ausbrüche und Kalkabsinterungen. Die untere Fensterbank ist beschädigt und mit Nutzungsspuren überprägt. Im oberen Bereich befinden sich Eisenverankerungen, die korrodiert sind. Ihre Einbindung spricht für eine funktionale Nutzung im Zusammenhang mit einer Sicherung oder Verschlussvorrichtung.

Außenansicht und Überformung: Die Außenseite zeigt deutliche Spuren einer späteren Neuaufmauerung. Der ursprüngliche Außenverband ist in diesem Bereich nicht erhalten. Der Sturz besteht aus regelmäßig geformten, radial gesetzten Ziegeln. Ein Ziegel mit der Prägung „Kehnert“ weist auf eine Herstellung im 19. Jahrhundert hin. Die Fugenstruktur und der Anschluss an das Bruchsteinmauerwerk zeigen Bindungsstörungen, die auf eine sekundäre Überarbeitung schließen lassen.
Zusätzlich sind mehrere Bohrlöcher in der äußeren Laibung vorhanden, die vermutlich der Aufnahme eines späteren Sicherungselements dienten.
Innere Substanz: Die innere Laibung ist von diesen Maßnahmen nicht betroffen und weist weiterhin Merkmale mittelalterlicher Bauweise auf. Hinweise auf nachträgliche Erweiterungen der Öffnung sind nicht erkennbar.

Funktionale Interpretation
Die Fensteröffnung ist als funktionale Licht- und Belüftungsöffnung zu interpretieren. Die konische Laibung verbessert den Lichteinfall bei gleichzeitig geringer äußerer Öffnungsfläche und reduziert statische Schwächungen des Mauerwerks. Die asymmetrische Anordnung sowie die Ausrichtung der Öffnung im Zusammenhang mit dem Umkehrgang lassen eine gezielte Lichtführung plausibel erscheinen. Durch den indirekten Lichteinfall in die angrenzenden Eingangsbereiche konnte eine minimale Orientierung innerhalb der Gewölberäume und des Verbindungsganges erreicht werden.
Bewertung
Die Fensteröffnung stellt ein gut erhaltenes Beispiel funktionaler Lichtöffnungen im Erdgeschoss eines mittelalterlichen Palas dar. Die Kombination aus bauzeitlicher Innenstruktur und sekundärer Überformung der Außenlaibung erlaubt eine differenzierte bauhistorische Einordnung.
Die konstruktive Einbindung und Materialität sprechen für eine Entstehung im Zusammenhang mit der Bauphase des Palas im 14. Jahrhundert. Die äußere Überarbeitung im 19. Jahrhundert ist als nachträglicher Eingriff zu bewerten, der die ursprüngliche Funktion der Öffnung nicht grundlegend verändert hat.
Literatur
- Wäscher, Hermann: Feudalburgen in den Bezirken Halle und Magdeburg, Bd. 1: Einführung und Katalog, Berlin 1962, S. 42–44.
- Grimm, Paul: Die vor- und frühgeschichtlichen Burgwälle der Bezirke Halle und Magdeburg, Berlin 1958, S. 360, Nr. 904 (Kalbe, Lenzen).
- Dehio, Georg: Handbuch der Deutschen Kunstdenkmäler. Sachsen-Anhalt I: Regierungsbezirk Magdeburg, München / Berlin 2002, S. 91 (Angern), S. 117 (Ziesar).
- Krahe, Friedrich-Wilhelm: Burgen des deutschen Mittelalters, Würzburg 2000, S. 95.