Der Bergfried der Burg Angern war als zentraler Wehrbau der südlichen Turminsel konzipiert und bildete gemeinsam mit dem gegenüberliegenden Palas auf der Hauptinsel das Rückgrat der hochmittelalterlichen Gesamtanlage. Der vorliegende Befundbericht dokumentiert die erhaltene Substanz des Erdgeschosses, analysiert Materialität, Bauweise und Funktion und berücksichtigt dabei sowohl architektonische als auch archivalische Quellen. Im Fokus stehen das originale Bruchsteinmauerwerk, der bauzeitliche Lichtschlitz sowie der archivalisch belegte Abbruch des Turmoberbaus im Jahr 1735.
Befund F1: Bergfried – Bestand, Erschließung und bauzeitliche Bewertung
Befund F2: Aufgehendes Bruchsteinmauerwerk
Befund F3: Lichtschlitz in der Nordwand des Bergfrieds
Befund F4: Archivalisch belegter Turmverlust (Negativbefund)
Befund F5: Hocheingang des Bergfrieds (Negativbefund)
Befund F6: Zugang von der Turminsel zum Bergfried – Rekonstruktive Analyse
Befund F1: Bergfried – Baukörper, Erschließung und Erdgeschossbefund
Einordnung in die Gesamtstruktur der Burganlage: Der Bergfried befindet sich an der nordöstlichen Ecke der Turminsel der Burg Angern, etwa 5 m südlich gegenüber dem östlich gelegenen Palas auf der Hauptinsel. Beide Baukörper liegen in identischer Ost-West-Flucht und weisen vergleichbare Proportionen auf. Diese Anordnung spricht für eine bewusste Einbindung in die hochmittelalterliche Gesamtplanung der Anlage. Während der Palas die administrative und repräsentative Funktion auf der Hauptinsel übernahm, bildete der Bergfried den zentralen Wehr- und Rückzugsbau der Turminsel.
Die Turminsel war durch einen schmalen Wassergraben vollständig von der Hauptinsel getrennt und verfügte über eigene Funktionsräume, darunter ein tonnengewölbtes Nebengebäude mit Brunnenanlage. Der Bergfried stellt den baulichen und funktionalen Schwerpunkt dieser südlichen Teilanlage dar.

Baukörper und Mauerstruktur: Der Bergfried besitzt einen quadratischen Grundriss von etwa 10 × 10 m. Die Wandstärke im Erdgeschoss beträgt bis zu ca. 2,20 m. Das aufgehende Mauerwerk besteht aus lagerhaft gesetztem Bruchstein (Feldstein, Gneis, Granit) in kalkgebundenem Mörtel und entspricht der regionaltypischen Bauweise des 14. Jahrhunderts.
Das Erdgeschoss ist vollständig erhalten und wird von einem flach gespannten Tonnengewölbe überdeckt. Die Ausführung ist funktional und ohne dekorative Gliederung. Hinweise auf barocke Überformung im Bereich der Gewölbekonstruktion sind nicht erkennbar.

Zugang und Erschließung: Das Erdgeschoss war ebenerdig begehbar, jedoch nicht von außen zugänglich. Der Zugang erfolgte über eine Türverbindung zum südlich angrenzenden tonnengewölbten Nebengebäude, das seinerseits mit dem Innenhof der Turminsel verbunden war. Diese indirekte Erschließung unterstreicht die sicherheitsorientierte Konzeption des Turmes.
Erdgeschossbefund (Raumstruktur und Bauphasen): Der Innenraum ist durch massive Bruchsteinwände gefasst und weist eine geschlossene Raumstruktur ohne direkte Außenöffnungen auf. In der Nordwand befindet sich ein konisch nach außen zulaufender Lichtschacht, der die einzige bauzeitliche Öffnung darstellt. Seine Ausbildung entspricht typischen Belichtungselementen hochmittelalterlicher Bergfriede und spricht gegen eine Nutzung als Schießscharte.
Die Wandflächen sind großflächig verputzt. Der Putz zeigt ausgeprägte Feuchteschäden, Abplatzungen und Salzbildungen, was auf eine langfristige Feuchtebelastung hinweist. Die klimatischen Bedingungen entsprechen denen eines ungeheizten, geschlossenen Funktionsraums.
Im Innenraum sind sekundäre bauliche Eingriffe erkennbar. Insbesondere im linken Wandbereich tritt eine Ziegelstruktur auf, die sich deutlich vom ursprünglichen Bruchsteinverband unterscheidet und als nachträgliche Einfügung zu interpretieren ist. Ebenso ist die rechte Raumseite durch eine jüngere, nicht bauzeitliche Wandstruktur unterteilt. Diese Eingriffe haben die ursprüngliche Raumgeometrie verändert und stehen vermutlich im Zusammenhang mit der frühneuzeitlichen Nutzung und der barocken Überformung der Anlage.
Die Ziegelwand im linken Bereich könnte darauf hinweisen, dass sich dahinter eine ursprünglich außenliegende Wand des Bergfrieds befindet, deren Höhe im Zuge späterer Bauphasen reduziert wurde. Diese Reduzierung dürfte im Zusammenhang mit der Anpassung des Turmes an ein verändertes Hofniveau stehen, das unterhalb der ursprünglichen Turmdecke lag. In diesem Fall wäre der Bergfried im Mittelalter zumindest teilweise freistehend gewesen und erst durch nachträgliche bauliche Eingriffe in eine veränderte Hof- und Nutzungsstruktur integriert worden. Eine eindeutige Klärung dieser Bauphase ist jedoch ohne weiterführende bauarchäologische Untersuchungen nicht möglich.
Funktionale Bewertung: Das Erdgeschoss ist nicht als Wehrgeschoss zu interpretieren. Die fehlenden Verteidigungselemente, die reduzierte Belichtung und die klimatischen Bedingungen sprechen vielmehr für eine Nutzung als Lager- oder Funktionsraum. Die massive Bauweise und die indirekte Erschließung legen zudem eine Nutzung als besonders geschützter Raum innerhalb des Verteidigungssystems nahe.
Bauzeitliche Einordnung und Nutzungskontinuität: Die baulichen Merkmale sprechen für eine Entstehung um 1340. Schriftquellen belegen den Fortbestand des Turmes bis ins 18. Jahrhundert:
„Es war vordem ein großer Turm von 8 Etagen […] Anno 1735 ist der Turm abgebrochen.“ (Gutsarchiv Angern, Rep. H Nr. 444)
„[…] vier Keller und der alte Turm […] worinne zwar viel Zimmer erbauet, allenthalben aber derselbe … sehr baufällig […]“ (Dorfchronik Angern)
„[…] ließ ich auch die in dem Turmgewölbe gehabten Sachen hervorbringen, welche in ungemein schlechten Stande angetroffen […]“ (Gutsarchiv Angern, Rep. H Nr. 412)
Diese Quellen belegen die langfristige Nutzung des Erdgeschosses, insbesondere als Lagerraum, sowie den baulichen Verfall des aufgehenden Turmes vor dessen Abbruch im Jahr 1735.
Zusammenfassung: Der Bergfried der Burg Angern stellt ein zentrales Element der mittelalterlichen Gesamtanlage dar. Sein Erdgeschoss ist in außergewöhnlich geschlossener Form erhalten und erlaubt eine differenzierte bauhistorische Analyse. Die Kombination aus massiver Bauweise, indirekter Erschließung und minimaler Belichtung weist ihn eindeutig als geschützten Funktionsraum aus. Die sekundären Eingriffe dokumentieren zugleich die spätere Nutzung und Überformung der Anlage und machen den Befund zu einem wichtigen Zeugnis der Bau- und Nutzungsgeschichte der Burg Angern.
Befund F2: Aufgehendes Bruchsteinmauerwerk
Lage und Kontext: Das untersuchte Mauerwerk bildet die aufgehenden Wandflächen des vollständig erhaltenen Erdgeschosses des Bergfrieds auf der Turminsel der Burg Angern. Erfasst wurden Außen- und Innenmauerabschnitte an der Nord-, West- und Ostseite des quadratischen Turms (ca. 10 × 10 m Grundfläche), die heute in die Untergeschosse des barocken Ostflügels integriert sind. Die Mauerstruktur ist insbesondere in den Kellerbereichen unterhalb des Schlosses sichtbar und zugänglich.
Material und Ausführung: Das Mauerwerk besteht aus unregelmäßigem, überwiegend großformatigem Bruchstein (Granit, Gneis und lokalem Feldsteinmaterial), der ohne systematische Bearbeitung oder Bossierung verbaut wurde. Die Steine sind in kalkgebundenem Mörtel versetzt, dessen helle Matrix stellenweise mit sandigen Zuschlägen durchsetzt ist. Eine durchgehend trockene Lagerung ist nicht nachweisbar.
Die Verarbeitung erfolgt lagerhaft mit unregelmäßigen Fugenverläufen. Zur Anpassung der Lagerflächen wurden kleinere Bruchstücke und Spaltkeile verwendet. Die Setzung wirkt unregelmäßig, folgt jedoch einer erkennbaren handwerklichen Systematik. Die Mauerstärke beträgt je nach Abschnitt zwischen etwa 1,80 und 2,20 m und entspricht damit den Dimensionen hochmittelalterlicher Wehrbauten dieser Größe. Im Sockelbereich sind deutliche Feuchtespuren erkennbar, insbesondere an den grabenseitigen Partien. Substanzverluste oder tiefgreifende strukturelle Schädigungen sind jedoch nicht feststellbar.
Bauzeitliche Einordnung: Die Materialwahl, die Ausführung des Mauerverbands sowie die Mörtelstruktur sprechen für eine Entstehung im hochmittelalterlichen Kontext, wahrscheinlich im zweiten Viertel des 14. Jahrhunderts. Diese Einordnung stimmt mit der überlieferten Bauzeit der Burg überein.
Der Befund zeigt eine weitgehend homogene Struktur ohne klar erkennbare Baufugen oder differenzierbare Bauabschnitte innerhalb des Erdgeschosses. Hinweise auf nachträgliche Aufmauerungen oder tiefgreifende Umbauten sind im sichtbaren Bereich nicht erkennbar. Kleinere Veränderungen und Reparaturen können jedoch nicht ausgeschlossen werden.
Vergleichende Typologie: Die Ausführung entspricht den im norddeutschen Raum verbreiteten Bauweisen hochmittelalterlicher Bergfriede, insbesondere in wasserumwehrten Anlagen. Die Verwendung unbehauener Feldsteine in massiver Wandstärke ist typisch für die Altmark und angrenzende Regionen. Im Unterschied zu süd- oder mitteldeutschen Anlagen tritt hier Quadermauerwerk deutlich zurück. Vergleichbare Befunde finden sich unter anderem in den Anlagen von Tangermünde, Lenzen und Kalbe, wobei die genaue Ausführung regional variieren kann. Die Kombination aus massiver Wandstärke, unregelmäßigem Bruchstein und funktionaler Reduktion weist auf eine primär wehrtechnisch orientierte Bauweise hin.
Erhaltungszustand und Bedeutung: Das Mauerwerk befindet sich in einem insgesamt sehr guten Erhaltungszustand. Große Teile der Substanz sind im Erdgeschoss original erhalten. Spätere Eingriffe beschränken sich auf oberflächliche Veränderungen wie Verfugungen oder Putzreste, die die bauzeitliche Struktur nicht wesentlich beeinträchtigen. Die statische Integrität des Mauerwerks ist gegeben. Aufgrund seiner Geschlossenheit und seines Erhaltungszustands besitzt der Befund einen hohen bauhistorischen und dokumentarischen Wert und stellt ein aussagekräftiges Beispiel für die Bauweise hochmittelalterlicher Wehrarchitektur in der Altmark dar.

Nordseite des Bergfrieds mit Lichtschacht in der Bruchsteinmauer
Befund F3: Lichtschlitz in der Nordwand des Bergfrieds
Lage und Kontext: Die Öffnung befindet sich in der Nordwand des Erdgeschosses des Bergfrieds auf der Turminsel der Burg Angern. Sie liegt etwa 2,2 m über dem rekonstruierten mittelalterlichen Außenniveau und ist Bestandteil eines vollständig geschlossenen, tonnengewölbten Innenraums. Außen öffnet sich die Öffnung zur Wasserfläche des ehemaligen Burggrabens.
Innenansicht (Lichtschacht): Der Schacht ist tief in das Mauerwerk eingeschnitten und weist eine konisch nach außen zulaufende Laibung mit flachtonnig gewölbter Decke auf. Die Öffnung verjüngt sich deutlich zur Außenseite hin. Die untere Laibung besteht aus einer massiven, plan bearbeiteten Steinfläche ohne Durchtritt. Seitenwände und Decke sind mit Kalkputz versehen, der altersbedingte Feuchteschäden zeigt, jedoch keine eindeutigen Hinweise auf bauliche Überformung erkennen lässt.

Außenansicht: Die Außenöffnung ist schmal, hochrechteckig und in den Bruchsteinverband der Nordwand integriert. Sie liegt oberhalb des heutigen Wasserspiegels und zeigt keine erkennbaren Spuren nachträglicher Erweiterung. Der umgebende Mauerverband erscheint homogen, wobei kleinere Ausbesserungen im Detail nicht vollständig auszuschließen sind.

Funktion und Einordnung: Form, Lage und Ausbildung der Öffnung sprechen für eine Funktion als Licht- und Belüftungsschacht. Merkmale einer Schießscharte – etwa ein Durchtritt, eine asymmetrische Laibung oder Vorrichtungen zur Waffenführung – sind nicht erkennbar. Die Öffnung ist daher nicht als Verteidigungselement, sondern als funktionale Belichtungslösung zu interpretieren.
Die Lage in der Nordwand sowie die Orientierung zum Wassergraben hin könnten zusätzlich die Schutzfunktion unterstützt haben, da direkte Angriffe aus dieser Richtung erschwert gewesen sein dürften. Diese Deutung bleibt jedoch im Detail hypothetisch.
Datierung: Die Einbindung in den Mauerverband, die Ausführung des Schachtes sowie die Putzstruktur sprechen für eine bauzeitliche Entstehung im Zusammenhang mit dem Bergfried im 14. Jahrhundert. Kleinere spätere Veränderungen können nicht vollständig ausgeschlossen werden.
Zusammenfassung: Der Lichtschlitz stellt ein wesentliches funktionales Element des Erdgeschosses dar. Er ermöglichte eine minimale Belichtung und Belüftung eines ansonsten geschlossenen Raumes, ohne die Schutzwirkung der massiven Außenwand wesentlich zu beeinträchtigen. In seiner Ausbildung entspricht er typologischen Lösungen hochmittelalterlicher Wehrarchitektur und ist für die Interpretation des Erdgeschosses als Funktions- und Lagerraum von zentraler Bedeutung.
Befund F4: Archivalisch belegter Turmverlust (Negativbefund)
Archivalischer Negativbefund (mit bauhistorischem Sekundärwert): Der vollständige Turmaufbau des Bergfrieds auf der Turminsel von Angern ist heute nicht mehr erhalten. Schriftliche Quellen, insbesondere das Gutsarchiv Angern (Rep. H Nr. 444), liefern jedoch Hinweise auf die ursprüngliche Gestalt des Bauwerks. In einer handschriftlichen Überlieferung heißt es:
„Es war vordem ein großer Turm von 8 Etagen, wo in dem 30jährigen Krieg sich viele fremde Örter hin salviret […]“
„Anno 1735 ist der Turm abgebrochen.“ (Gutsarchiv Angern, Rep. H Nr. 444)
Die Quelle belegt, dass der Bergfried ursprünglich als mehrgeschossiger Turm ausgeführt war und im Jahr 1735 abgetragen wurde. Die Angabe von „8 Etagen“ ist als wichtige, jedoch quellenkritisch zu bewertende Information anzusehen, da es sich um eine nachträgliche Überlieferung handelt.
Ein direkter Zusammenhang zwischen der Zerstörung im Dreißigjährigen Krieg und dem späteren Abbruch des Turmes ist wahrscheinlich, jedoch nicht eindeutig belegbar. Die Quelle verweist auf Kampfhandlungen und das Auffinden von menschlichen Überresten sowie militärischem Material im Bereich des heutigen Lustgartens, was auf intensive Nutzung und mögliche Beschädigungen der Anlage hinweist.
Rekonstruktive Auswertung: Auf Grundlage der überlieferten Geschosszahl und typologischer Vergleichswerte lässt sich eine ungefähre Höhenrekonstruktion vornehmen. Unter Annahme einer durchschnittlichen Geschosshöhe von etwa 3,5–4,0 Metern ergibt sich eine Gesamthöhe von etwa 29 bis 34 Metern. Diese Rekonstruktion ist als modellhafte Annäherung zu verstehen und nicht als gesicherte Bauhöhe.
In dieser Größenordnung entspricht der Bergfried vergleichbaren Anlagen der Region, etwa in Tangermünde, Ziesar oder Lenzen, wobei direkte Vergleichbarkeit aufgrund unterschiedlicher Baukontexte eingeschränkt ist.

Erhaltungszustand: Das Erdgeschoss des Turmes ist vollständig erhalten und heute in den barocken Ostflügel des Schlosses integriert. Es umfasst das gewölbte Untergeschoss aus massivem Bruchstein mit einer Raumhöhe von etwa 3 Metern sowie eine bauzeitliche Lichtöffnung in der Nordwand (vgl. Befund F3).
Weitere Bauteile der aufgehenden Geschosse sind oberirdisch nicht nachweisbar. Es handelt sich daher um einen Negativbefund hinsichtlich der Turmaufsätze, der jedoch durch die archivalische Überlieferung teilweise kompensiert wird.
Bauhistorische Bewertung: Die Kombination aus erhaltenem Sockelgeschoss und archivalisch belegtem Turmverlust ermöglicht eine differenzierte Rekonstruktion der ursprünglichen Turmgestalt. Der Negativbefund besitzt somit einen hohen bauhistorischen Aussagewert, da er in Verbindung mit den vorhandenen Befunden Rückschlüsse auf Dimension, Funktion und Veränderung des Bauwerks zulässt.
Befund F5: Hocheingang des Bergfrieds (Negativbefund)
Befundlage und Fragestellung: Im erhaltenen Erdgeschoss des Bergfrieds der Burg Angern ist kein baulicher Zugang zu einem darüberliegenden Geschoss nachweisbar. Der vollständig erhaltene, tonnengewölbte Raum weist weder eine innere Treppe noch einen Mauerdurchbruch auf, der auf eine vertikale Erschließung hindeuten würde. Daraus ergibt sich die zentrale Frage nach der ursprünglichen Zugangssituation zu den oberen Turmgeschossen.
Baubefund:
- Das Erdgeschoss ist vollständig erhalten und umfasst einen etwa 10 × 10 m großen Raum mit Tonnengewölbe und Mauerstärken von über 2,5 m.
- Ein baulicher Durchstieg in ein Obergeschoss ist nicht vorhanden.
- Es fehlen Hinweise auf Mauertreppen, Wendeltreppen oder Durchbrüche im Gewölbe.
- Das Mauerwerk erscheint im untersuchten Bereich weitgehend homogen; eindeutige Spuren nachträglicher Durchbrüche oder Verschlüsse sind nicht erkennbar.
- Der Zugang zum Erdgeschoss erfolgt ausschließlich über das angrenzende tonnengewölbte Nebengebäude (vgl. Befund G3).
Die Befundsituation stellt einen klaren Negativbefund hinsichtlich einer inneren vertikalen Erschließung dar.
Typologische Vergleichsdaten:
- Hochmittelalterliche Bergfriede weisen typischerweise einen Hocheingang im ersten Obergeschoss auf.
- Erdgeschosse dienen regelmäßig als Lager- oder Schutzräume und sind nicht primär erschlossen.
- Zugänge erfolgen häufig über externe Konstruktionen wie Brücken, Leitern oder Treppen.
Interpretation und Bewertung: Die Kombination aus fehlender innerer Erschließung und überlieferter Mehrgeschossigkeit des Turmes legt die Existenz eines Hocheingangs nahe. Diese Annahme entspricht der regionaltypischen Bauweise und ist bauhistorisch plausibel, kann jedoch nicht direkt nachgewiesen werden.
Die genaue Lage des Hocheingangs bleibt unklar. Mögliche Positionen ergeben sich aus topographischen und funktionalen Überlegungen:
- Ostseite: aufgrund des angrenzenden Grabens unwahrscheinlich.
- Südseite: Zugang über das Nebengebäude denkbar, jedoch nicht belegt.
- Nordseite: Brückenanschluss zur Hauptburg konstruktiv möglich, ohne baulichen Nachweis.
- Westseite: Zugang über den Innenhof der Turminsel denkbar, etwa mittels Leiter oder Holztreppe.
Insgesamt ist ein Hocheingang im ersten Obergeschoss als wahrscheinlich anzunehmen. Die konkrete Ausführung und Lage bleiben jedoch aufgrund fehlender baulicher Spuren hypothetisch.
Befund F6: Zugang von der Turminsel zum Bergfried – Rekonstruktive Analyse
Ausgangslage und Fragestellung: Die bauarchäologische Untersuchung des Bergfrieds der Burg Angern zeigt, dass im Erdgeschoss keine vertikale Erschließung zu den oberen Geschossen nachweisbar ist (vgl. Befund F5). Daraus ergibt sich die Frage, auf welchem Weg die oberen Turmgeschosse ursprünglich zugänglich waren und wie der Bergfried in das funktionale Gesamtsystem der Turminsel eingebunden war.
Befundzusammenhang: Der Bergfried steht in unmittelbarer baulicher Beziehung zu einem angrenzenden tonnengewölbten Nebengebäude (vgl. Befund G3). Dieses Nebengebäude ist ebenerdig mit dem Innenhof der Turminsel verbunden und weist eine Türöffnung zum Erdgeschoss des Bergfrieds auf. Damit besteht eine gesicherte horizontale Verbindung zwischen beiden Baukörpern im Sockelbereich.
Eine vertikale Erschließung innerhalb des Nebengebäudes ist archäologisch nicht nachgewiesen. Die Existenz einer solchen Verbindung kann jedoch nicht ausgeschlossen werden, da spätere Überformungen oder Verlust von Bauteilen vorliegen.
Rekonstruktiver Ansatz: Unter Berücksichtigung der topographischen Situation, der vorhandenen Baubefunde sowie typologischer Vergleichswerte ergibt sich ein mögliches Erschließungsszenario:
- Verbindung zwischen Hauptburg und Turminsel über eine ebenerdige Brücke,
- Zugang zum Innenhof der Turminsel,
- Eintritt in das Nebengebäude im Erdgeschoss,
- Aufstieg über eine interne Treppe (nicht erhalten),
- Zugang zum Bergfried im ersten Obergeschoss.
Dieses Modell stellt eine funktional konsistente Verbindung der vorhandenen Befunde dar. Es erklärt die fehlende innere Erschließung des Bergfrieds und die bauliche Nähe zwischen Nebengebäude und Turm.
Bauliche Hinweise: In der Wand zwischen Nebengebäude und Bergfried ist ein vermauerter Durchbruch mit gedrücktem Segmentbogen erhalten, der als ehemalige Türöffnung interpretiert werden kann. Die Ausbildung der Laibung und die Einbindung in das massive Mauerwerk sprechen für eine funktionale Verbindung im Erdgeschoss.
Der Sockelbereich weist stellenweise ein opus mixtum-Mauerwerk mit Bruchstein und Ziegelanteilen auf. Diese Bauweise deutet auf spätere Eingriffe oder Überformungen hin, ohne dass die ursprüngliche Bauphase eindeutig davon getrennt werden kann.
Methodische Bewertung: Die Interpretation stützt sich nicht nur auf vorhandene Bauelemente, sondern wesentlich auch auf deren Fehlen. Das Ausbleiben einer inneren vertikalen Erschließung im Bergfried ist als zentraler Negativbefund zu werten, der die Rekonstruktion externer Zugangslösungen erforderlich macht.
Das dargestellte Erschließungsszenario ist als rekonstruktives Modell zu verstehen. Es verbindet die vorhandenen Befunde logisch miteinander, ersetzt jedoch keinen direkten archäologischen Nachweis. Alternative Lösungen – insbesondere ein direkter Hocheingang mit externer Brückenkonstruktion – bleiben ebenfalls denkbar.
Funktionale Einordnung: Die enge bauliche Beziehung zwischen Bergfried und Nebengebäude legt nahe, dass beide Baukörper funktional miteinander verzahnt waren. Der Bergfried erscheint nicht als isoliertes Element, sondern als Bestandteil einer strukturierten Nutzungseinheit der Turminsel, die Versorgung, Rückzug und Verteidigung miteinander verband.
Zusammenfassung: Die Erschließung der oberen Geschosse des Bergfrieds ist archäologisch nicht direkt nachweisbar. Der Negativbefund im Erdgeschoss spricht gegen eine interne Verbindung und legt externe Zugangslösungen nahe. Das hier entwickelte Szenario stellt eine plausible, jedoch nicht gesicherte Rekonstruktion dar, die die vorhandenen Befunde in einen funktionalen Zusammenhang einordnet.